Der Binsdorfer Klostergarten
Das ehemalige Kloster Binsdorf liegt im Südwesten Deutschlands auf einem Bergsporn des Kleinen Heubergs in rund 600 m ü. NN im Vorland der Schwäbischen Alb. Im späten Mittelalter entwickelte sich hier am östlichen Rand der Binsdorfer Siedlung zunächst eine religiöse Frauengemeinschaft, die der Beginenbewegung zuzuordnen ist. Diese eröffnete frommen Frauen die Möglichkeit, ein religiös geprägtes Leben zu führen, ohne ein strenges und lebenslanges Ordensgelübde abzulegen und ohne an eine klösterliche Klausur gebunden zu sein. Die Schwestern widmeten sich vornehmlich karitativen Aufgaben, insbesondere der Krankenpflege im Ort, dem im Jahr 1315 das Stadtrecht durch König Friedrich von Habsburg verliehen wurde. Nachdem sich die Gemeinschaft im frühen 14. Jahrhundert unter den Schutz des Dominikanerordens gestellt hatte, blieb das Wirken der Schwestern weiterhin auf die Sorge um Kranke und Bedürftige ausgerichtet. Diese Ausrichtung prägte das Selbstverständnis der Dominikaner-Terziarinnen-Gemeinschaft über fünf Jahrhunderte, bis im Jahr 1806 im Zuge der Säkularisation die Aufhebung des Klosters verfügt wurde.
Baum-, Küchen- und Kräutergarten
Der Klostergarten der Dominikaner-Terziarinnen in Binsdorf umfasste nach frühneuzeitlichen Aufzeichnungen einen Baum-, Küchen- sowie einen Kräutergarten. Eine solche funktionale Trennung der Gartenbereiche stellte bereits ein charakteristisches Merkmal mittelalterlicher Klostergärten dar. In diesem Zusammenhang ist der St. Galler Klosterplan von Bedeutung, der um 830 im Kloster Reichenau unter Mitwirkung von Walahfrid Strabo entstand und den Idealplan eines Benediktinerklosters zeigt. Er gilt als älteste überlieferte Darstellung einer frühmittelalterlichen Klosteranlage und weist gesondert einen Baumgarten, einen Küchengarten sowie einen Kräutergarten aus. Der Binsdorfer Klostergarten lässt sich in die Tradition solcher idealtypisch gegliederten Gartenanlagen einordnen, in denen die einzelnen Gartenbereiche räumlich voneinander getrennt angelegt waren. Dabei ist auch das frühe Lehensverhältnis Binsdorfs zum Kloster Reichenau zu nennen, das seit dem frühen Mittelalter bis um 1400 die Lehenshoheit über den Ort innehatte.
Barockzeitlicher Klosterneubau
Im Jahr 1685 begann der Neubau des Dominikaner-Terziarinnenklosters. Den zugehörigen, zu dieser Zeit noch einfach gestalteten Garten stellte der Augsburger Kupferstecher Michael Kauffer um 1720 in einer Ansicht des Klosters (Abb. 1) dar. Wenige Jahre später setzte unter Priorin Hylaria Augustina Buemayrin aus Augsburg die barockzeitliche Neugestaltung des Klostergartens ein. Die Priorin dokumentierte die im Jahr 1727 begonnenen Gartenarbeiten in der Klosterchronik. Nach Abschluss der Umgestaltungsmaßnahmen beauftragte sie im Jahr 1731 den bedeutenden Augsburger Barockmaler Johann Georg Bergmüller mit der Anfertigung einer Vedute der Klosteranlage. In dieser Darstellung wird der nun repräsentative Charakter des Gartens deutlich (Abb. 2).
Die Gartenkultur der Dominikaner-Terziarinnen in Binsdorf
Obwohl der Vorsteher der süddeutschen Ordensprovinz Saxonia den Binsdorfer Klosterfrauen im Jahr 1718 die Arbeit im «Feldt oder Feldt-Geschäft» untersagte, blieb die Arbeit im unmittelbar östlich des Konventgebäudes gelegenen Klostergarten ein fester Bestandteil des klösterlichen Alltags. Im Schutz des ummauerten Gartens kultivierten die Schwestern Küchengemüse, Obst sowie Kräuter und Blumen. Dem Anbau von Heilkräutern im «Blumen- und Kräutelgarten» kam für die Dominikaner-Terziarinnen, deren Wirken in Binsdorf wesentlich von der Krankenpflege geprägt war, eine zentrale Bedeutung zu. Dieser wertvolle Gartenteil mit den seltenen Pflanzen war von einem aufwendig gestalteten roten Staketenzaun eingefasst. Darüber hinaus besaß er repräsentative Ausstattungsmerkmale wie einen Springbrunnen, eine Balustrade sowie einen Treillage-Pavillon mit geschweiftem Dach. In dieser bewusst kunstvollen Gestaltung erschien der «Blumen- und Kräutelgarten» als Ort des Schönen. Ein solches Gartenverständnis lässt sich bereits im 13. Jahrhundert in der naturwissenschaftlichen Schrift «De vegetabilibus» des Dominikanermönchs Albertus Magnus (1193–1280) nachvollziehen. Darin widmete er sich der Anlage von Ziergärten, die er, jenseits des rein Nützlichen, vor allem als Ort des Vergnügens begriff. Diese sollten idealerweise Baumpflanzungen, eine Blumenwiese, Kräuter- und Blumenbeete sowie eine gefasste Quelle aufweisen. Als Provinzial des Dominikanerordens hielt sich Albertus Magnus im Jahr 1268 auch im Dominikanerkloster Rottweil auf, das später die geistliche Betreuung der Dominikaner-Terziarinnen in Binsdorf übernahm. Auf den Garten als Ort des Vergnügens, wie ihn Albertus Magnus in «De vegetabilibus» beschrieb, bezog sich 1454 ebenso der Dominikanerreformer Johannes Meyer (1422–1485) in seinem «Amptbuch», einer Schrift zur Regelung der Ämter eines Dominikanerinnenklosters. Meyer charakterisierte den Klostergarten als einen Ort «zur reinen und ehrbaren Ergötzung der Schwestern». Die Aufgabe, einen solchen Garten anzulegen, oblag nach der Klosterämterbeschreibung Meyers der sogenannten «Gartenmeisterin». Entsprechende Ausprägungen sind bei den Terziarinnen in Binsdorf erkennbar; auch hier war die Verantwortung für den Klostergarten der «Gartenmeisterin» übertragen.
Vom Klostergarten zum Pfarrgarten
Das Kloster Binsdorf konnte sich im ausgehenden 18. Jahrhundert zunächst noch der Aufhebung im Zuge der josephinischen Klosterpolitik in den vorderösterreichischen Landen entziehen. Binsdorf gehörte seit der Verpfändung durch die Grafen von Hohenberg Anfang des 15. Jahrhunderts zu den vorderösterreichischen Besitzungen in Schwaben und blieb dies bis zum Ende des Alten Reiches. Mit dem Übergang an das Königreich Württemberg wurde die Säkularisation konsequent vollzogen, in deren Folge auch das Kloster Binsdorf im Jahr 1806 aufgehoben wurde (Abb. 3). In diesem Zusammenhang wurden sämtliche Besitzungen und umfangreichen Ländereien des Klosters enteignet.
Nach der Enteignung veräußerte der württembergische Staat das Konventgebäude mit Garten an die Binsdorfer Kirchengemeinde, die es fortan als Pfarrhaus nutzte. Den zu diesem Zeitpunkt noch neun verbliebenen Terziarinnen wurde ein lebenslanges Wohnrecht sowie die weitere Bewirtschaftung des sogenannten «Küchen- oder Wurzgartens» zugebilligt. Den Grasgarten mussten sie hingegen den beiden Ortsgeistlichen überlassen, der laut den Visitationsberichten in sehr guter Pflege gehalten wurde.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfuhr das ehemalige Klostergebäude erneut eine Nutzung im Zeichen karitativer Fürsorge: Ab den 1870er Jahren unterhielten die Schwestern von Reute in Nachfolge der Dominikaner-Terziarinnen wieder eine Krankenstation in den Räumen der ehemaligen Klosteranlage (Abb. 4). Damit setzte sich trotz der tiefgreifenden Zäsur der Säkularisation die lange Tradition der Krankenpflege am Ort in veränderter institutioneller Form fort. Die gartenräumlichen Strukturen und gartenbaulichen Nutzungen blieben in bemerkenswerter Kontinuität erhalten.
Zur Bedeutung des Binsdorfer Klostergartens
Im Jahr 2021 erklärte die staatliche Denkmalpflege die bis ins Mittelalter zurückreichende Klosteranlage nach rund zehnjähriger intensiver Bau- und Archivalienforschung im Auftrag der katholischen Kirchengemeinde St. Markus aufgrund ihrer herausragenden Bedeutung und ihrer außergewöhnlichen Authentizität zum Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung. Auch der ehemalige Kloster- und spätere Pfarrgarten, der bis in die jüngste Zeit dem Anbau von Obst, Gemüse, Kräutern und Blumen diente, ist Teil des Denkmalensembles und ebenfalls authentisch überliefert. Im Jahr 2021 begann die Sicherung des Gartens im Auftrag der katholischen Kirchengemeinde mit finanzieller Unterstützung der Diözese Rottenburg-Stuttgart, des Landes Baden-Württemberg sowie der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Seit dem Jahr 2022 fließen zusätzlich umfangreiche Finanzmittel aus dem Förderprogramm des Bundes zur «Anpassung urbaner und ländlicher Räume an den Klimawandel» in die Restaurierung des Gartens. Ziel der denkmalgerechten Restaurierung ist es, die historische Substanz zu sichern, die gartenkünstlerischen Qualitäten unter Bewahrung der historischen Bautradition wieder erfahrbar zu machen und den Garten zugleich als lebendigen Bestandteil des Denkmalensembles mit umfangreicher Nutzgartenkultur zu entwickeln.
Zukunft des Binsdorfer Klostergartens
Im Anschluss an die Gartenrestaurierung soll die Nutzgartenkultur in Anknüpfung an die überlieferte Gartentradition nach Jahren intensiver Öffentlichkeitsarbeit, Denkmalvermittlung und Bürgerbeteiligungsverfahren in einem Gemeinschaftsprojekt fortgeführt werden. Dieses wird von einem Förderverein getragen, der sich den denkmalgerechten Erhalt sowie die Pflege des Klostergartens zum Ziel gesetzt hat. Daneben setzt sich der Verein für die kulturelle Belebung von Kloster und Garten durch Veranstaltungen und Begegnungsangebote sowie für die Wissensvermittlung zu Geschichte, Bau- und Gartenkultur ein.
Im Garten ist geplant, neben dem Anbau von Gemüse, Heil-, Tee- und Küchenkräutern sowie Blumen künftig auch wieder traditionelles Spalierobst zu kultivieren. Darüber hinaus soll der inzwischen abgehende Streuobstgürtel im Umfeld der Klosteranlage mit fachlicher Unterstützung des Landkreises Zollernalbkreis schrittweise wiederhergestellt werden. Da die Streuobstbestände in Baden-Württemberg vielerorts verloren gehen, sind Projekte, die auf den Erhalt dieses typischen Kulturlandschaftselements abzielen, von großer Bedeutung. Begleitend zur Gartenrestaurierung finden bereits jetzt Bildungsveranstaltungen zur Nutzgartenkultur, zum Streuobst und zur Formobstkultur im Kloster Binsdorf statt. Seit Anfang 2026 werden in Kooperation mit dem Landesverband für Obstbau, Garten und Landschaft Baden-Württemberg e. V. (LOGL) regelmäßig Seminare zur Formobsterziehung im Kloster Binsdorf angeboten. Darüber hinaus ist vorgesehen, den Garten künftig an den jährlich stattfindenden "Welttagen der Spalierkunst" (Journées mondiales de l'art de l'espalier) zu beteiligen. Informationen zum Fortschritt der Restaurierungsarbeiten sowie zu aktuellen Veranstaltungen sind auf der Homepage http://www.KlosterBinsdorf.de abrufbar. Ab dem Frühjahr 2027 soll der Garten für Besucherinnen und Besucher wieder geöffnet werden.
Isabel David
Weiterführende Literatur
Isabel David, Timo Raible: Bau- und Gartengeschichte des ehemaligen Dominikaner-Terziarinnenklosters Binsdorf, Sonderdruck aus Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte, Band 55/56 (2019/2020)
Ralf Schneider: Das ehemalige Dominikanerinnenkloster zu Binsdorf. Entdeckung und Sanierung eines barocken Gartenkleinods. In: Die Gartenkunst 2022/1, S. 98–118
Andreas Zekorn: Das Dominikanerinnenkloster Binsdorf und seine Chronik der Jahre 1685 bis 1776. Sonderdruck aus Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte, Band 47/48 (2011/12)
Abbildungen:
Abb. 1) Kupferstich von Michael Kauffer aus Augsburg um 1720 vor der barockzeitlichen Erweiterung des Gartens. (Abbildung mit freundlicher Genehmigung der Gemeinde Binsdorf)
Abb. 2) Ansicht des Klostergartens aus dem Jahr 1731 nach der barockzeitlichen Umgestaltung. Bei der Darstellung handelt es sich um einen Ausschnitt aus dem Altarblatt des Augsburger Kunstmalers Johann Georg Bergmüller (1688-1762), gefertigt im Auftrag der Priorin Hylaria Augustina Buemayrin. (Foto: Isabel David 2018)
Abb. 3) Historische Flurkarte aus dem Jahr 1838 mit Grundriss des Gartens nach Aufhebung des Klosters im Jahr 1806 (1) Küchengarten, (2) Baumgarten, (3) Kräuter- und Blumengarten. (Mit freundlicher Genehmigung des Landesarchivs Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Ludwigsburg EL 68 VI Nr. 15634 Bestand Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung Baden-Württemberg: Historische Flurkarten der Württembergischen und Hohenzollerischen Landesvermessung, Ausschnitt Kartenblatt SW XXI 19)
Abb. 4) Ansicht der Klosterlandschaft mit umfangreichem Streuobstbestand östlich des Klosters im Jahr 1928. (Mit freundlicher Genehmigung des Kreisarchivs Balingen, F 1 Bin 4)
Abb. 5) Ansicht des Terrassengartens von Westen vor der Restaurierung. (Foto: Isabel David)
Abb. 6) Ansicht des Terrassengartens von Osten vor der Restaurierung. (Foto: Isabel David)
Abb. 7) Ansicht der Treppenanlage zum Kräuter- und Blumengarten vor der Gartenrestaurierung. (Foto: Isabel David)
Abb. 8) Ansicht des Gartenpavillons, der um 1900 unter Wiederverwendung grün glasierter Dachziegel des barocken Vorgängerbaus neu errichtet wurde. (Foto: Isabel David)
Abb. 9) Klösterlich geprägte Kulturlandschaft vor dem Kloster Binsdorf. (Foto: Isabel David)
Abb. 10) Kopfweiden beim Kloster Binsdorf. (Foto Isabel David)
Abb. 11) Bestandsaufnahme des Gartens im Jahr 2018. (Vermessung: Götz Echtenacher 2018, Lageplan: Isabel David 2018),
Abb. 12) Ansicht des Steingartens aus dem Jahr 1930 von Gartenarchitekt Otto Kurz aus Neu-Ulm im Auftrag des Stadtpfarrers August Konzet. (Foto: Isabel David 2022)
Abb. 13) Reste des Back- und Dörrofens im Keller des Klosters. Hier wurde unter anderem die Obsternte verarbeitet. (Mit freundlicher Genehmigung des Landesamts für Denkmalpflege im RP Stuttgart, Bildarchiv der Bau- und Kunstdenkmalpflege Tübingen, Fotograf Helmut Hell, Aufnahmejahr 1969, Arch.-Nr. 4672)
Abb. 14) Kellergang im Kloster Binsdorf mit Zugang zum kleinen Keller, der zur Aufbewahrung des «Kräutelwerks» diente. (Mit freundlicher Genehmigung des Landesamts für Denkmalpflege im RP Stuttgart, Bildarchiv der Bau- und Kunstdenkmalpflege Tübingen, Fotograf Helmut Hell, Aufnahmejahr 1969, Arch.-Nr. 4669)
Abb. 15) Das sogenannte «Waschhaus» im Kellergeschoss mit Feuerstelle und Brunnen. Der Laufbrunnen im Keller sowie der Springbrunnen im Garten werden im Zuge der Restaurierung wieder mit Quellwasser aus der bergseitigen Brunnenstube des Klosters gespeist. (Mit freundlicher Genehmigung des Landesamts für Denkmalpflege im RP Stuttgart, Bildarchiv der Bau- und Kunstdenkmalpflege Tübingen, Fotograf Helmut Hell, Aufnahmejahr 1969, Arch.-Nr. 4661)
Abb. 16) Illustration zur gartendenkmalpflegerischen Zielplanung. (Illustration: Therese Schreiber)
Abb. 17) Pflanzarbeiten im Blumen- und Kräutergarten im Spätherbst 2025. (Foto: Isabel David)
Abb. 18) Pflanzung der Hochspaliere im Spätherbst 2025. (Foto: Isabel David)